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Folge_01_01 - Warum nehmen Menschen dieselbe Wirklichkeit unterschiedlich wahr?

4. Sept.
6 Min. Lesezeit

Leitfrage des Denkraums:

Warum kommen Menschen bei derselben Fragestellung zu unterschiedlichen Überzeugungen?

Wir leben in derselben Welt. Und doch ist unser Zugang zu dieser Welt nicht identisch.

Unsere Augen erfassen nur einen Ausschnitt des elektromagnetischen Spektrums. Unsere Ohren besitzen Wahrnehmungsgrenzen. Und selbst innerhalb dessen, was unsere Sinne grundsätzlich erreichen kann, gelangt längst nicht alles in unser bewusstes Erleben.

Folge_001 beginnt deshalb ganz am Anfang unseres ersten Denkraums: Was von der Wirklichkeit ist uns überhaupt zugänglich?

Dabei begegnen wir einer Unterscheidung, die uns bei PARALLAXIS immer wieder beschäftigen wird: Was liegt tatsächlich auf dem Tisch – und was machen wir daraus?


Unser Fenster zur Wirklichkeit

Was wir als sichtbares Licht erleben, ist nur ein kleiner Ausschnitt des elektromagnetischen Spektrums. Die NASA gibt für das menschliche Auge typischerweise einen Bereich von etwa 380 bis 700 Nanometern an. Infrarot, Ultraviolett, Radiowellen, Mikrowellen, Röntgen- und Gammastrahlung gehören ebenfalls zum elektromagnetischen Spektrum – bleiben unseren Augen aber weitgehend verborgen.

Erkenntnisstatus: wissenschaftlich etabliertes Grundlagenwissen.


Siehst du dieselbe Welt wie ich?

Wenn wir sagen, „der Mensch“ könne einen bestimmten Bereich sehen, ist das eine nützliche Vereinfachung. Tatsächlich unterscheiden sich Menschen.

Die Lichtdurchlässigkeit der menschlichen Augenlinse verändert sich beispielsweise mit dem Alter – besonders deutlich bei kürzeren Wellenlängen. Auch Farbsehschwächen führen dazu, dass Menschen Farben unterschiedlich wahrnehmen.

Besonders spannend für unser Gedankenexperiment ist eine Untersuchung mit jungen Erwachsenen: Die Probanden konnten unter experimentellen Bedingungen UV-Strahlung bei 315 nm detektieren, wobei sich ihre Empfindlichkeit um mehr als den Faktor 30 unterschied.

Damit bekommt unsere Frage aus der Folge eine interessante Grundlage:

Wo genau endet eigentlich „das menschliche Sehen“?


Die üblichen Grenzen beschreiben einen typischen menschlichen Wahrnehmungsbereich. Sie bedeuten nicht, dass jeder Mensch exakt dieselben Schwellen besitzt.

Von dort dürfen wir weiterdenken. Könnten einzelne Menschen an bestimmten Grenzen empfindlicher sein als andere?

Ja – individuelle Unterschiede sind wissenschaftlich nachweisbar.

Wie weit diese Unterschiede reichen können, ist hingegen eine empirische Frage.

Und aus dieser Möglichkeit folgt beispielsweise nicht, dass damit die Wahrnehmung einer spirituell verstandenen Aura wissenschaftlich nachgewiesen wäre.

Erkenntnisstatus: Individuelle Unterschiede sind empirisch belegt. Weitergehende Überlegungen sind als Gedankenexperiment zu kennzeichnen.


Der unsichtbare Gorilla

Manchmal liegt etwas sogar mitten in unserem grundsätzlich sichtbaren Bereich – und wir bemerken es trotzdem nicht.

Daniel Simons und Christopher Chabris zeigten dies 1999 in ihrer berühmten Untersuchung zur inattentional blindness. Menschen können ein vollständig sichtbares und ausgesprochen auffälliges Ereignis übersehen, wenn ihre Aufmerksamkeit auf eine andere Aufgabe gerichtet ist.

Falls du das Experiment noch nicht kennst: Lies vorher möglichst nichts darüber. Schau dir zuerst das Video an!

Erkenntnisstatus: etabliertes psychologisches Forschungsphänomen.


Wie viel gelangt eigentlich ins Bewusstsein?

In populären Darstellungen findet man immer wieder Zahlen wie „40 Bit pro Sekunde“.

Bei solchen Zahlen ist Vorsicht angebracht.

Wie viele „Bits“ menschliches Bewusstsein verarbeitet, hängt wesentlich davon ab, was überhaupt als Information definiert und wie sie berechnet wird.

Eine 2025 in Neuron veröffentlichte Arbeit von Jieyu Zheng und Markus Meister schätzt den Informationsdurchsatz menschlichen Verhaltens auf ungefähr 10 Bit pro Sekunde, während unsere sensorischen Systeme Informationen in einer Größenordnung von etwa einer Milliarde Bit pro Sekunde aufnehmen. Die Autoren selbst beschreiben die Erklärung dieser enormen Differenz als offene neurowissenschaftliche Frage.


Für PARALLAXIS ist deshalb nicht die konkrete Zahl entscheidend.

Entscheidend ist die Größenordnung:

Zwischen verfügbarer sensorischer Information und dem, was sich in unserem bewussten Verhalten ausdrückt, besteht ein gewaltiger Unterschied.

Erkenntnisstatus: Forschungsmodelle und Schätzungen – keine universelle Naturkonstante von „40 Bit/s“.


Der überraschende Befund: Der menschliche Körper emittiert Licht

Hier beginnt der vielleicht ungewöhnlichste Teil dieser Folge.

Der menschliche Körper emittiert tatsächlich extrem schwache Photonen.

Kobayashi, Kikuchi und Okamura konnten diese sogenannte Ultraweak Photon Emission (UPE) 2009 mit einer hochempfindlichen Kamera bildlich erfassen. Die Intensität lag nach Angaben der Forscher ungefähr tausendfach unterhalb der Empfindlichkeit des bloßen menschlichen Auges. Die Emission veränderte sich außerdem im Tagesverlauf.

Eine spätere wissenschaftliche Übersichtsarbeit behandelt UPE beim Menschen als messbares Forschungsphänomen; neuere Arbeiten verbinden biologische Ultraweak Photon Emission insbesondere mit oxidativen Prozessen.

Erkenntnisstatus: Die Emission extrem schwacher Photonen durch den menschlichen Körper ist wissenschaftlich nachgewiesen.


Und jetzt beginnt unser Runder Tisch.


Ein Befund – verschiedene Perspektiven

Legen wir nur diesen einen Satz in die Mitte: Der menschliche Körper emittiert extrem schwache Photonen.


Die Physik kann die Strahlung messen und charakterisieren.

Die Medizin und Biologie können nach den zugrunde liegenden physiologischen und biochemischen Vorgängen fragen.

Aber andere Erkenntniswege stellen andere Fragen.


Spiritualität: Was ist mit der Aura?

In spirituellen und esoterischen Traditionen finden wir seit Langem Vorstellungen einer Aura oder eines den Menschen umgebenden feinstofflichen bzw. energetischen Feldes.

Eine theosophische Darstellung spricht beispielsweise ausdrücklich von astralen und mentalen Feldern, die zusammen als Aura bezeichnet werden. Das ist eine Quelle aus der spirituellen Tradition selbst – und genau deshalb interessant für unseren Runden Tisch.


Damit dürfen wir fragen: Könnte zwischen der wissenschaftlich gemessenen Photonenaussendung und Vorstellungen einer Aura ein Zusammenhang bestehen?

Die Frage ist legitim.

Der Zusammenhang ist damit aber nicht bewiesen.

Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health beschrieb sogenannte „Biofelder“ als postulierte Energiefelder und stellte ausdrücklich fest, dass deren Existenz in diesem Sinne experimentell nicht nachgewiesen sei.

Damit liegen auf unserem Tisch zwei unterschiedliche Aussagen:

Der Körper emittiert Photonen: gemessen.

Diese Photonen sind die spirituelle Aura: daraus folgt wissenschaftlich bislang nicht.

Genau diese Grenze interessiert PARALLAXIS.


Religion: Warum umgeben wir Heilige mit Licht?

Lichtdarstellungen um besondere oder heilige Personen finden wir keineswegs nur im Christentum.

Ein frühes Buddha-Bildnis aus Gandhara besitzt beispielsweise einen gezackten Halo, den das Metropolitan Museum ausdrücklich als Darstellung ausstrahlenden Lichts beschreibt. Auch in christlichen Darstellungen begegnen uns Heiligenscheine und etwa der charakteristische Kreuznimbus Christi. In hinduistischen und buddhistischen Darstellungen finden sich ebenfalls Aureolen und Flammenkränze.


Und wieder dürfen wir fragen: Warum verwenden unterschiedliche religiöse Traditionen Licht als Symbol?

Ist es Symbolik?

Eine Darstellung von Heiligkeit, Erleuchtung oder Transzendenz?

Beruht es möglicherweise auf Erfahrungen oder Beobachtungen?

Oder existiert eine Verbindung zu einem physikalischen Phänomen?

Die kunsthistorischen Quellen belegen die Darstellungen und ihre religiösen Kontexte. Sie belegen keinen Zusammenhang mit Ultraweak Photon Emission.

Erkenntnisstatus: religiöse und kunsthistorische Tradition ist belegt; eine physikalische Verbindung zur UPE ist damit nicht nachgewiesen.


Und was ist mit Kirlian-Fotografie?

Die Kirlian-Fotografie geht auf Semjon Kirlian zurück und erzeugt tatsächlich eindrucksvolle leuchtende Strukturen um Objekte. Technisch handelt es sich dabei um Aufnahmen elektrischer Koronaentladungen unter Hochspannung. Die Methode wurde später unter anderem zur „Gas Discharge Visualization“ weiterentwickelt und auch mit Vorstellungen menschlicher Energiefelder verbunden.

Hier müssen wir deshalb besonders sauber unterscheiden:

Dass Kirlian-Aufnahmen existieren und leuchtende Strukturen zeigen, ist unstrittig.

Dass diese Strukturen eine spirituelle Aura abbilden, folgt daraus nicht.

Die Erscheinung wird stark von physikalischen Faktoren wie Spannung, Feuchtigkeit, Druck, Erdung und Leitfähigkeit beeinflusst.

Ich finde gerade diese Geschichte ausgesprochen passend für PARALLAXIS, weil sie zeigt, wie schnell aus einem realen sichtbaren Phänomen eine weitergehende Interpretation entstehen kann.


Was liegt auf dem Tisch?

Vielleicht ist das die wichtigste Übung dieser Folge.

Wir müssen die verschiedenen Perspektiven nicht gegeneinander ausspielen.

Wir können sie zunächst sortieren:

Gemessen: Der menschliche Körper emittiert extrem schwache Photonen.

Beobachtet: Menschen besitzen unterschiedliche sensorische Wahrnehmungsgrenzen.

Wissenschaftlich untersucht: Aufmerksamkeit beeinflusst erheblich, was Teil unseres bewussten Erlebens wird.

Spirituelle Deutung: Traditionen beschreiben eine Aura oder feinstoffliche Felder des Menschen.

Religiöse Tradition: Licht, Halo und Aureole werden in unterschiedlichen Religionen zur Darstellung besonderer oder heiliger Gestalten verwendet.

Offene Frage: Besteht zwischen einzelnen dieser Beobachtungen und Traditionen ein Zusammenhang?


Und genau hier gilt:

Möglich bedeutet nicht wissenschaftlich belegt. Aber nicht wissenschaftlich belegt bedeutet ebenso wenig automatisch unmöglich.

Wir müssen die offene Frage nicht schließen.

Wir müssen nur erkennen, welche Art von Aussage gerade vor uns liegt.


Weiterdenken

Vielleicht ist deshalb die spannendste Frage dieser ersten Folge nicht:

„Wer hat recht?“

Sondern:

„Was liegt tatsächlich auf dem Tisch – und was machen wir daraus?“

Denn ein gemeinsamer Befund führt nicht automatisch zu einer gemeinsamen Deutung.

Und vielleicht beginnt genau dort die Antwort auf die große Frage unseres ersten Denkraums:

Warum kommen Menschen bei derselben Fragestellung zu unterschiedlichen Überzeugungen?

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