Der aggressiv-entwertende Archetyp

Merkmale

Der aggressiv-entwertende Archetyp ist gewissermaßen das Gegenstück vom selbstlosen Archetyp. Diese beiden kommen sehr oft in der Interaktion gepaart, und mitunter auch gleichzeitig in einer Person vor. Der Satz „nach oben buckeln und nach unten treten“ beschreibt dieses Phänomen als „Radfahrerhaltung“ ganz gut.

Während der Selbstlose das Gegenüber beinahe idealisiert, sieht der aggressiv-Entwertende im anderen das Fehlerhafte. Er setzt das Gegenüber herab und behandelt es entwertend.


Die Kommunikation vom Selbstlosen enthält die Selbstdarstellung von scheinbarer Stärke und Unverletzlichkeit. Die Beziehungsbotschaft ist herabsetzend und entwertend und der Apell lautet „klein bei zu geben“. Wie der Selbstlose hört der aggressiv-Entwertende mit einem stark misstrauischen Beziehungsohr, welches hinter jeder Nachricht einen Angriff auf seine Person hört.


Dennoch gilt für diesen Typ der Spruch „harte Schale – weicher Kern“.


Bild: peggy-marco@pixabay


Beweggrund

Das kleine Kind hat schwere Herabsetzungen, Demütigungen und aller Wahrscheinlichkeit nach auch entweder psychische oder auch physische Gewalt – z.B. in Form von Schlägen - erleben müssen. Die Kindheit war nicht geprägt vom Miteinander unter dem Motto „ich UND du, und wir beide sind in Ordnung“, sondern „ich ODER du“.

Resultierend daraus hat sich ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt, das von einer starken Angst „runtergemacht“ zu werden, geprägt ist. Während der Selbstlose versucht sich zu ducken und sich unsichtbar zu machen, geht der aggressiv-Entwertende in Konfrontation und agiert nach dem Motto, präventiv und vorbeugend es mit „gleicher Härte“ zu vergelten. Diese scheinbare Aggressivität nach Außen soll das Gegenüber davon überzeugen, dass er keine Chance hat, ihn zu verletzen. Nach Innen versucht der all die – für ihn unerträglichen - Gefühle, wie Wehrlosigkeit, Weichheit, und Schwäche zu verdrängen. In seiner Kindheit hat er sich geschworen, all diese Gefühle NIE WIEDER spüren zu müssen.


Dabei bedient er sich der Projektion, indem er all die in ihm abgelehnten Teile auf das Gegenüber projiziert. Dies hilft ihm dabei, diese so selbstwertschonend wie möglich wahrzunehmen und zu bekämpfen – beim Gegenüber, und bedient sich dabei so genannter Oberhandtechniken bzw. der Oberhandsicherung. Durch seine Angst vor Unterlegenheit macht er das „Obensein“ zur Überlebensfrage.


Interaktion

Um dem aggressiv-Entwertenden die Möglichkeit für die Kommunikation zu bieten, muss das Gegenüber entweder diesen Teufelskreis verstärken oder mit sich geschehen lassen. Wenn wir uns den Teufelskreis vom Selbstlosen vor Augen führen, so war der Gegenpart des Selbstlosen der aggressiv-Entwertende. Bei einer Verstärkung dieses Teufelskreises kommt es mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Ausbruch von Gewalt. Der aggressiv-Entwertende fühlt sich angegriffen, verletzt und wütend. Daraufhin setzt er das Gegenüber herab, beschuldigt dies und schwört „Rache“. Das Gegenüber fühlt sich ebenfalls angegriffen, verletzt und wütend. Daraufhin setzt das Gegenüber den aggressiv-Entwertenden herab, beschuldigt wiederum ihn und schwört „Rache“.


Im ersten Moment erscheint dies völlig sinnlos, doch in vielen Fällen ist dies eine Möglichkeit, sich den „alten Dämonen“ der Kindheit zu stellen, und den „Kampf“ mit den Eltern, usw. wieder aufleben zu lassen, und dem, unter neuen Vorzeichen als Erwachsener, ein heilsames Enge zu bereiten.


Entwicklungspotential

Der erste Schritt zur Entwicklung liegt in der Änderung der DU-Botschaft in eine ICH-Botschaft. Somit werden die oft entwertenden und beschuldigenden Botschaften in eine Selbstoffenbarung umgewandelt. Die Schwierigkeit dabei liegt darin, dass man ein ICH empfinden muss, damit nach auch ein ICH sagen kann. Dieses ICH ist aber jedoch in vielen Fällen tief vergraben. Daher geht er wichtigere Ansatz dahin, diese Ich-Empfindung zu schärfen.


Gerade in den Trainings der Jugend- und Erwachsenenbildung ist es wichtig, das rechte Maß an Respekt verschaffen und Respekt erweisen zu finden. Respekt gegenüber Kindern, Jugendlichen und Teilnehmern zu zollen, wird in vielen Fällen als Schwäche ausgelegt und schamlos ausgenutzt. Respekt verschaffen führt im inneren Auge vieler Menschen zum Bild des gefürchteten und brutalen „Rohrstocklehrers“.

Ohne die Fähigkeit sich Respekt zu verschaffen, aber auch Respekt zu zollen, kann eine wertschätzende Beziehung nicht möglich sein. Dies gilt auch in allen anderen Formen der Beziehung, vor Allem in Liebesbeziehungen.


Der aggressiv-entwertende Archetyp läuft Gefahr, den anderen unter einem negativen Focus zu betrachten. Was fehlt, ist die Fähigkeit, den Wert und die Leistung beim anderen zu entdecken. Hier hilft z.B. die Kunst der positiven Umdeutung. Gerade im Bereich des aggressiv-Entwertenden gibt es viele Tools, um diese Form der Kommunikation zu verbessern. Denjenigen, die sich mit Kommunikation, Training, Beratung, Coaching und Co. Beschäftigen, werden Namen die Watzlawick, Tuckmann und Co. geläufig sein.


Für den aggressiv-Entwertenden gilt folgendes Leitmotiv „willst du ein guter Partner sein, dann schau erst in dich selbst hinein!“. Da er zur Projektion neigt, und seine Teile, die er ablehnt im Gegenüber sucht, muss er sich fragen, was dies mit ihm selbst zu tun hat. Statt einer aggressiven Fremdanklage, muss er sich der Selbsterforschung stellen, und seinen Eigenanteil klären. Dabei kann die ICH Botschaft und z.B. „The Work“ von Byron Katie hilfreich sein.


Das Positive

Der aggressiv-Entwertende steckt in Jedem von uns, daher ist es wichtig, sich auch mit diesem Archetyp auseinander zu setzen. Das Positive an diesem Archetyp ist, dass er konfliktbereit ist. Seine Fähigkeit liegt in der direkten Konfrontation und in dem „sich nicht alles bieten lassen“, und die „Zähne zu zeigen“. Ist es nicht manchmal besser, anstatt alles zu „verstehen“, zu verzeihen und zu verharmlosen, auch mal die „Fetzen fliegen“ zu lassen, und so eine heilende Veränderung hervorzurufen?


Wenn der aggressiv-Entwertende gelernt hat, dass er als Erwachsender durchaus in der Lage ist, Wehrlosigkeit, Weichheit und Schwäche zuzulassen, und dies bei sich zu akzeptieren, dann ist er in der Lage den „liebenden Kampf“ zu führen. Ich werde in einem eigenen Post auf diesen „liebenden Kampf“ zu einem späteren Zeitpunkt eingehen.

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